Atelier Handplanet

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    Unsere Familie sammelte sich immer öfter um den Kamin in dem alten Müllerhaus. Wenn Leo, der Familienvater gerade nicht als Standfotograf irgendwo in der Welt herumschwirrte und Anatol sich von der Kunstakademie eine Weile befreien konnte – Jonas war schon ein französischer Einwohner und ein fleißiger 13-jähriger Schüler – begannen

    wir, unsere neue Situation zu formen – mit den einfachen Mitteln, die wir zur Verfügung hatten. Jedes Familienmitglied hatte einen kleinen Lieblingsbereich für sich mit seinen ganz persönlichen Dingen , seinem für ihn wichtigen und geliebten Krimskrams.

    Eva Drosera Weisse Gewagte Sprünge

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Dieses Buch ist noch in Arbeit. Hier können Sie schon ein Kapitel probelesen:

Ein wunderlich-wundersames Atelier
Unsere Familie sammelte sich immer öfter um den Kamin in dem alten Müllerhaus. Wenn Leo, der Familienvater gerade nicht als Standfotograf irgendwo in der Welt herumschwirrte und Anatol sich von der Kunstakademie eine Weile befreien konnte – Simon war schon ein französischer

Einwohner und ein fleißiger 13-jähriger Schüler – begannen wir, unsere neue Situation zu formen – mit den einfachen Mitteln, die wir zur Verfügung hatten.

Jedes Familienmitglied hatte einen kleinen Lieblingsbereich für sich mit seinen ganz persönlichen Dingen , seinem für ihn wichtigen und geliebten Krimskrams.

Im Sommer hatten wir viel Platz, weil wir das Haus bis zum einfach ausgebauten Dachboden benutzen konnten. Der Boden war so groß wie der Umriss des Hauses, aber nicht isoliert. Wenn im Spätherbst der kalte Wind durch alle Ritzen kam, blieb uns nichts anderes übrig, als uns unten um den Kamin zu versammeln.

Das hatte so etwas von Pionier-Romantik, aber wir sehnten uns nach den ersten wirklich warmen Sonnenstrahlen, um wieder alle Räume bewohnen zu können, ohne in Pullovern und dicken Wollstrümpfen schlafen zu müssen.

Sobald der Aufenthalt in den oberen Räumen und auf dem Dachboden wieder möglich war, wurde der Winterstaub entfernt und alles blitzte und blinkte von neuem.

Anatol und Simon konnten sich auf der großen Bodenfläche ausbreiten und ihren ganz persönlichen Kreativbereich haben. Es wurde ein Atelier und Wohn-Schlafraum.

Sie fühlten sich wieder frei, waren voller neuer Ideen, selbst Unordentlichkeits-Exzesse gehörten zum Wohlfühlen.

Das einzig Ordentliche hing an der Wand und war ein selbst gezimmertes Holzregal mit gut sortierten Musikkassetten.

Wenn Besuch kam oder einer der Jungs hatte einen plötzlichen ästhetischen Stimmungsanfall, wurde aus dem ungeordneten Matratzen-Nachtlager eine so genannte „gemütliche Ecke“, mit Plattenspieler, Tonbandgerät und Stereoanlage, nur mit Batterien zu benutzen, weil es in dem Haus keinen elektrischen Strom gab.

Davor lag immerhin ein großes braun-weißes Kuhfell, das selten von kleinen Sägespänen und Baguettekrümeln gesäubert wurde. Auf einem Safarisessel lagen mit Farbe bekleckerte Hemden, T-shirts und Hosen, darunter eine alte Armprothese aus Holz, die gottlob niemand brauchte, nur als Idee einer Skulptur diente und Superman lehnte an einem Tonbandgerät.

Der Raum war groß genug, um nach Herzenslust Dinge herumstehen zu lassen, die oft gebraucht wurden: z.B. ein großer Blechkasten, in dem vorher Nürnberger Pfefferkuchen drin waren, bemalt mit dem früheren Leben Nürnbergs, mit Federhüten und Kutschen, einem Baldachin und König mit Krone, geharnischte Männer, Fahnen, Speere – den anderen Kram, den die Leute früher brauchten. Jetzt war der Kasten gefüllt mit Ölfarben zum Bilder malen einer supermodernen Sciencefiction-Welt, unbeeinflusst von der südlich-romantischen Atmosphäre dieser Umgebung.

An der Treppenbrüstung standen die große Zeichenmappe, ein Paar ausgebeulte staubige Schuhe und in der dunkelsten Ecke Anatols Negativ-Gipsform einer großen Hand.

Simon hatte den Auftrag, für eine kleine Kapelle einen hockenden Heiligen als Skulptur herzustellen und nun trockneten die heiligen Teile auf und unter dem Tisch.

Was sich in dem Schubfach darunter befand, war in der Zusammensetzung einigermaßen unkonventionell, eher gesagt chaotisch, aber alles wichtig und zu gebrauchen: Eine Streichholzschachtel mit weißem Kabel umwickelt neben einem Ölmalpinsel in mittelschlechtem Zustand und einem Schleifstein. Reißnägel in allen Farben, ein Ersatzventil für einen Überdrucktopf, drei kleine Zahnräder, ein Kondensator, eine Taschenlampe ohne Birne, eine Packung Kondome für den Ernstfall, noch ungeöffnet, fünf eingewickelte Eukalyptusbonbons, einige Gebrauchsanweisungen und noch vieles mehr.

Ein angegammelter Kopfschutzhelm fürs Moped lag zuerst unten neben dem Kamin, dann auf der Treppe zum ersten Stock, dort wurde er staubig und war voller Hundehaare. Bald lag er auf der Treppe zum zweiten Stock. Eine Katze machte Pipi in den Helm und er wurde in der Badewanne ausgewaschen, die in dem kleinen Häuschen gegenüber dem Haupthaus schon funktionsfähig war, obwohl dieses so genannte Badezimmer noch kein Dach hatte. Er landete schließlich hier oben auf dem Olymp und konnte sicher noch einmal gebraucht werden, aber nur zur Not.

Daneben stand eine Kiste mit farbigen Glasscheiben, zur Bleiglasherstellung.

Auf einem anderen Tisch gab es auch so allerlei zu sehen, wie praktisch, man hatte sofort eine offene Übersicht und sparte sich das Energie raubende Suchen: Ein Denkungsbuch, Millimeterschere, Silikonkleber, eine Tube Pattex, eine Pflanzenglühbirne, vorläufig wegen Strommangels in Wartestellung, eine große Lupe und eine defekte Armbanduhr, ein Autorecorder, der repariert werden sollte, ein Radioempfänger Satellit 2000, ein Frequenzgenerator und eine Stange Süßholz. Und überall elektrische Schnüre, Schnüre, Schnüre...... natürlich auch die Batterien dazu. Das war noch nicht das Ende der Aufzählungen, doch nun ist’s genug!

Der große weiße Hund kam nach oben ins Königreich, plumpste zufrieden aufs Kuhfell, flöhte sich und verteilte seine langen Haare. Die kleine schwarze Katze gesellte sich dazu und zog voller Hingabe an den Zitzen des großen Hundes, denn der Hund war eine Hündin.