Atelier Handplanet

Kinder, Feste, Ziegen

Kinder, Feste, Ziegen Von den gut organisierten Dorffesten mit ca. 200 Personen will ich noch nicht erzählen, sondern von denen unseres anfänglichen Landlebens zu Füßen der Cevennen. Neben unserem Haus befand sich ein kleiner Platz,

der dazu diente, unser Auto zu parken. Er war groß genug für ungefähr 30 Leute, um dort z.B. ein Fest feiern zu können. Die Idee war, ein Sommerfest zu organisieren, mit Einwohnern und gerade anwesenden Urlaubern. Der kleine Platz war ideal für dieses Vorhaben. Wir gingen persönlich in jedes Haus, um für dieses Fest zu werben und die Leute einzuladen. Alle waren begeistert von dieser Idee, versprachen zu kommen und Aperitifs , Knabberzeug und Kuchen mitzubringen. Einfache Tischplatten wurden aufgestellt, Stühle und Bänke organisiert. An einem Wochenende im August am Spätnachmittag bei 28 Grad im Schatten, Wein und leiser Musik saßen auf diesem kleinen Platz plötzlich über 30

Personen, die sich vorher entweder nur vom flüchtigen „bonjour messieurs dames“ im Vorübergehen kannten oder, was die Einheimischen betraf, sich seit langem aus dem Wege gegangen waren. Selbst der Bürgermeister mit seiner Frau und einige Freunde aus der Umgebung kamen zu unserem kleinen Fest. Auch die alte Dame in Schwarz, die wir bei unserem ersten Besuch in diesem Dorf an der „Waschstelle“, dem „Lavoir“ das erste Mal sahen. Sie kam langsam, auf einen Stock gestützt, die kleine Gasse herunter, um sich mit uns zu amüsieren. Nun saß sie neben meiner Nachbarin, mit der sie einst einen Streit hatte, der dazu führte, dass die beiden sich nicht mehr eines Blickes würdigten. Die alten Frauen wechselten während dieser zwei Stunden vorsichtig einige Worte und es schien, als hätten sie beide das Bedürfnis, auch in Zukunft wieder miteinander sprechen zu wollen. Dieses Fest war in jeder Hinsicht ein Erfolg und wir beschlossen, es zu wiederholen. Die Urlauber in diesem Dorf hatten ziemlich viele Kinder, im Gegensatz zu den Einheimischen, deren Kinder, bis auf wenige Ausnahmen, schon erwachsen waren und nicht mehr im Dorf wohnten.

Diese Kinder langweilten sich, wenn die Eltern mit ihnen nicht ans 30 km entfernte Meer fuhren, deshalb waren unsere Ziegen eine willkommene Abwechslung für sie. Eines Morgens klingelte es eindringlich an unserer Tür. Ich sah von oben aus dem Fenster eine Gruppe von Kindern zwischen 3 und 14 Jahren stehen. Sie baten mich alle gleichzeitig, in französischer und deutscher Sprache, herunter zu kommen, sie hätten eine große Bitte an mich. Ich ahnte schon, dass es sich um die Ziegen handeln könnte und ging nach unten, um mir ihre so dringliche Bitte anzuhören.: „Also, da bin ich, meine Süßen, um was geht es?“ „Ja-mmh“ – Marjolaine, das älteste Mädchen und natürlich die Sprecherin der kleinen Gruppe, erklärte, was sie alle miteinander wollten: „So, also, mmh, wir finden deine Ziegen so schön und lieb. Wir wollen ja helfen, sie am Nachmittag mit dir zu hüten, erlaubst du uns aber auch, dass wir die Ziegen im Stall ein bisschen streicheln können?“

Alle Kinder sahen mich erwartungsvoll an: mit großen Kulleraugen. Wer konnte dieser Begeisterung für meine Ziegen widerstehen? Ich nicht! Von großem Jubel begleitet ging ich mit den Kindern den schmalen steinigen Weg nach unten zu den Ziegen, vorbei an Ulysse, dem plüschigen Esel, der uns mit seinem lang gezogenen „I-A“ freudig begrüßte und dann ganz enttäuscht schaute, weil noch keine Ausgehzeit war. Unten in der Stall-und-Auslauf-Umzäunung kamen die Ziegen sofort auf uns zu, wühlten mit ihren Mäulern in unseren Taschen nach Leckerbissen, sahen uns erwartungsvoll an und ließen sich streicheln. Kinderschar und Ziegenschar waren sofort befreundet Gut, ich erlaubte den Kindern in den Ställen und in der Umzäunung zu bleiben, die Ziegen so viel zu streicheln wie sie wollten und ihnen Geschichten zu erzählen. Wer weiß, vielleicht würde die eine oder andere das verstehen, denn für die Kinder waren sie verzauberte Prinzessinnen mit ihrem ganzen Hofstaat. An Marjolaine übergab ich die Verantwortung mit der dringenden Bitte, die Gattertür der Umzäunung immer gut zu verschließen. Gar nicht auszudenken, wenn die Ziegen ohne Aufsicht davon liefen! Das gäbe großen Ärger mit den Einwohnern. Die Ziegen würden Weinfelder plündern und in den Gärten viel Unheil anrichten. So ganz wohl war mir nicht bei dem Gedanken, die Kinder allein zu lassen, doch als ich sah, wie lieb sie mit den Ziegen spielten, fand ich diese Idee ganz gut und auch für die Ziegen schien das eine willkommene Abwechslung zu sein. Nun kamen die Kinder jeden Tag zum Ziegenspielen: Sie teilten sie in Hierarchien ein und sperrten die nach ihrer Meinung jeweils Zusammengehörigen in verschiedene Boxen. Die braven Tiere ließen das alles mit sich geschehen, denn in jeder Box gab es neues duftendes Heu oder Maronenbaumzweige mit frischen, grünen Blättern. Z:B: der Bock war natürlich der König und sein kleiner Sohn der Erbprinz. Die älteste Ziege war die Königin, dazu kam der Hofstaat, mit der aber die Oberziege nicht ganz einverstanden war. Also wurde umdisponiert, bis sich zwei homogene Gesellschaftsschichten bildeten und in verschiedene größere Boxen gesperrt wurden. Es gab natürlich noch Prinzessinnen, Ministerinnen und gewöhnliches Fußvolk, das waren die kleinsten Ziegen, erst einige Monate alt. Ab und zu hielt Marjolaine eine leidenschaftliche Rede, um den Hofstaat über die momentane Staatslage aufzuklären. Dafür stieg sie auf eine Kiste und fuchtelte temperamentvoll mit den Armen herum, was das hochherrschaftliche Regierungsvolk nur mit einem freundlichen Määäh belohnte. Und eines Tages passierte es doch: die Tür der Umzäunung wurde nicht vollständig geschlossen, kaum sichtbar, aber Ziegen beobachten gut und sind klug. Diese Tür war für sie der Inbegriff:“ Da gehts hinaus ins Freie, in die ihnen gemäße, zustehende Natur“. Die Oberziege steckte ihr Maul in den kleinen, kaum sichtbaren Spalt und sofort öffnete sich die Tür mit einem Schwung! – Ein kleiner Sprung über zwei Stufen – schon war sie draußen und alle 24 Ziegen samt Bock und Ziegenkindern stürmten hinterher.! Die Kinder versuchten mit viel Geschrei und wilden Gesten die Ziegen wieder einzufangen – doch diese Anstrengungen waren vergeblich – ohne meine Begleitung konnten die Ziegen nun endlich in den Garten der Nachbarin laufen und vom begehrten Salat fressen. Ich saß oben auf der Terrasse bei einer Tasse Tee, hörte plötzlich das Geschrei und wusste natürlich sofort, was passiert war. In Windeseile lief ich nach unten, am wiehernden Esel vorbei, der schon wieder enttäuscht wurde, um das Schlimmste zu verhindern. Zu spät: es waren schon einige Ziegen im Salat. Gemeinsam versuchten wir, die gefräßigen Tiere aus dem Garten zu jagen. Wenn wir vier Ziegen draußen hatten, kamen von der anderen Seite fünf neue. Die Kinder waren außerdem so aufgeregt, dass sie völlig unkoordinierte Reaktionen hatten. Der 3 jährige Jerôme schrie wie am Spieß, stolperte auf dem steinigen Pfad und musste von Marjolaine getröstet werden. Jetzt kam auch noch der Hund angerannt und bellte wie wild, angeregt durch diese chaotische Situation. Und der Esel schrie sein „I-A“ eindringlich und flehend, wohl in der Hoffnung, jetzt doch noch mit uns in die Kastanienwälder laufen zu können. Jetzt durfte ich nicht die Nerven verlieren. Es war ein Hin und Her, bis wir die Ziegen endlich aus dem Garten gejagt hatten. Sie wollten natürlich nicht mehr in die Ställe zurückgehen. Es war zwar noch nicht Ausgehzeit, aber mir blieb nichts anderes übrig, als sie zu dieser frühen Stunde zu hüten. Ich ging also los mit allen Kindern, die mit ganz schlechtem Gewissen auf mich einredeten – die Kleinsten weinten sogar, – den Ziegen, dem Hund, der sich nach der aufregenden Jagd wieder beruhigt hatte, unpassenden Schuhen und leider ohne den enttäuscht wiehernden Esel, um den ich mich später kümmern würde, für zwei Stunden in den Kastanienwald. Danach würde sich alles wieder normalisieren. Alles??? – Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch dachte ich an meine alte Nachbarin, die seelenruhig oben in ihrer Küche saß, die Straße beobachtend – ihre liebste Beschäftigung – und gerade noch nicht wusste, was alles hinter ihrem Rücken, nämlich in ihrem heiß geliebten Garten passiert war. Auf alle Fälle würde dieser Vorfall Konsequenzen haben. Als wir uns auf dem Rückweg den Ställen näherten, war uns gar nicht wohl zumute und da stand sie schon, die alte Dame, meine Nachbarin, in ihrem Garten oberhalb der Ställe. Ich winkte ihr freundlich zu und machte eine Geste des Bedauerns, doch davon ließ sie sich nicht beeindrucken. Mit ernstem Gesichtsausdruck, die Hände kampfeslustig in die Hüften gestemmt sah sie uns zu, wie wir die Ziegen in den Stall brachten und die Gattertür sehr sorgfältig schlossen, Dass die Kinder in Zukunft ohne Aufsicht in die Ställe gingen, war nach diesem Ereignis nicht mehr möglich. Das verstanden sogar die Kleinsten. Alle zusammen gingen wir mit großen Schuldgefühlen zu ihr in den Garten. Die Kinder blieben schüchtern an der Gartenpforte stehen. Ich entschuldigte mich bei Madame tausendmal, aber dann mussten wir uns eine gehörige Standpauke anhören. Als wir im Chor versprachen, dass Kinder nicht mehr ohne Aufsicht in den Stall gehen würden, entspannten sich ihre Züge und sie meinte gnädig, uns nicht mehr böse zu sein. Gottlob war der Schaden begrenzt, einige Salatköpfe waren heraus gerissen und aufgefressen, das war’s eigentlich schon. In einigen Beeten sah man Abdrücke von Ziegenhufen, aber mit einer Hacke würde der Schaden wieder behoben sein. Ich wollte Madame dabei helfen, doch das lehnte sie ab. Der Garten war ihr Territorium und nur sie selbst wollte darin arbeiten Am Abend brachte ich ihr einigen Ziegenkäse und wir unterhielten uns freundlich über Gott und die Welt, vor allem über Gott, denn sie war sehr religiös. Auch über die Gepflogenheiten des Monsieur le Curé, dem man etwas Geld geben sollte, wenn er uns besuchen käme, denn in Frankreich sind die Pfarrer auf diese Spenden angewiesen, weil der Bürger keine Kirchensteuer zahlen muss. Die gute Nachbarschaft war danach wieder hergestellt. An der Gattertür musste ich nun eine Kette mit einem Vorhängeschloss anbringen und den Kindern nur erlauben, während der Melkzeit in die Ställe zu kommen. Die fantasievollen Spiele der Kinder inspirierten mich für ein anderes Fest. Wir überlegten zusammen, was wir alles machen wollten. Einige hatten Vorschläge für Sketche, die sie sich selbst ausgedacht hatten. Nun wurde zwischen all den Ziegen geübt und auch ich beteiligte mich nach dem Melken mit einer akrobatischen Einlage, legte eine Portion Stroh auf den Boden und zeigte ihnen, wie ich mit dieser weichen Unterlage auf dem Kopf stehen konnte Während dieser Übung schnupperte eine verwunderte Ziege an meiner Nase, leider würde dieses Ziegengeschleck auf unserem Fest nicht zu wiederholen sein. Wir warben wieder bei den Leuten im Dorf für dieses Fest und versprachen ihnen eine tolle Theatervorführung. Alle, ohne Ausnahme, waren begeistert und versprachen, auf jeden Fall zu kommen, denn das wollten sie sehen! Zwischen Haus und Atelier, hinter dem Platz, wo die Gäste sich aufhalten würden, hingen wir ein großes Bettlaken, das als Bühnenvorhang gedacht war. Jeder Auftritt sollte gesondert angekündigt werden. Es ist doch immer ganz spannend, bevor ein Vorhang sich öffnet. Der große Tag kam heran, die Gäste waren pünktlich und saßen voller Erwartung auf den harten Stühlen und Bänken. Vorhang auf! Und nun tanzten und sangen und spielten französische und deutsche Kinder gemeinsam in lustigen Verkleidungen, die sie sich selbst gebastelt hatten. Die Geschichten, die die Kinder vorführten, handelten selbstverständlich von Prinzen und Prinzessinnen, bösen Geistern und hilfreichen Feen. Sie ähnelten denen vom Ziegenstall, aber leider ohne Ziegen. Die Gäste klatschten begeistert Beifall und die Stimmung war wunderbar. Dann kam ich an die Reihe, d.h. eine Vorführung zusammen mit Anatol. Er war in seinem silbernen outfit ein außerirdischer Roboter-Bauer und ich der mechanische Roboterclown. Eines meiner Gedichte im Stakkato-Ton rezitierend, bewegte ich mich ruckartig vorwärts, um bald langsam zusammenzusacken, denn meine Bewegungsuhr war abgelaufen. Aber der Außerirdische kam schnell mit einem riesigen Schlüssel, um mich am Rücken wieder aufzuziehen. Ein kleines Kissen hatte ich schon in den Händen, legte es roboterartig auf den Boden und machte einen langen Kopfstand mit entsprechenden Beinbewegungen. Der Boden war an dieser Stelle uneben und es fiel mir schwer, das Gleichgewicht zu halten, denn ich durfte mich jetzt auf keinen Fall blamieren Die Begeisterung des Publikums für unsere Darbietungen war mindestens so groß, wie in einem richtigen Theater. Wir ernteten standing ovations und mussten uns immer wieder verbeugen. Vor allem für die Kinder war dieses Ferienerlebnis unvergesslich. Damit war aber der Spaß noch nicht zu Ende. Im vergangenen Winter, als es in dieser Gegend ausnahmsweise ein wenig geschneit hatte, bewahrten wir in der Tiefkühltruhe eine Schüssel mit Schnee auf und mit diesem Schnee konnten wir nun im August bei 30 Grad im Schatten eine kleine Schneeballschlacht machen! Dann die letzte interessante Vorstellung, die eher wissenschaftlicher Art war. Ein Spektroskop, das Anatol selbst gebaut hatte. Man konnte durch das Okular schauen und leuchtende Spektrallinien von allen möglichen Flüssigkeiten und anderem sehen. Wir dachten, dass sich niemand dafür interessieren würde, aber weit gefehlt, die Leute standen Schlange und wir hörten begeisterte Ah’s und Oh’s . Mit dieser Vorführung beschlossen wir einen der schönsten Nachmittage, die wir in unserem Dorf erlebt hatten.

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