Atelier Handplanet

Whisky

Caprice – Mutter der Ziege Whisky Whisky, weil sie black and white war, wie der berühmte Schottische Whisky. „Caprice“, ihre Mutter, unsere allererste Ziege, war schon recht alt, als sie zu uns kam und sie hatte aus diesem Grunde sehr wenig Milch, aber

trotzdem musste sie jeden Tag gemolken werden. Ratlos stand ich mit einem Eimer und dem Schemel vor dieser zitternden Ziege und es war nicht auszumachen, wer mehr Angst hatte, die Ziege, aus ihrer gewohnten Umgebung so brutal herausgerissen und von einer lieben Großmutter getrennt worden zu sein oder ich, die keine Ahnung hatte, wie man eine Ziege melkt und außerdem eine völlig unbegründete Furcht hatte, von den spitzen Hörnern gestoßen zu werden. Für alle Fälle band ich sie fest ans Gatter. Mein Mann hatte mir erklärt, wie ich das machen sollte. Ich setzte mich also auf meinen Schemel, berührte vorsichtig das Euter und wagte endlich zuzudrücken, in der Hoffnung, dass ein schöner weißer Strahl in den Eimer sprudelt.

Die Ziege drehte ihren Kopf zu mir herunter und wunderte sich wohl über meine Ungeschicklichkeit. Wie gut, dass ich das Tier angebunden hatte, sonst wäre es wohl nicht so brav stehen geblieben. Nach einigen vergeblichen Versuchen ließ ich Schemel und Eimer stehen und rannte verzweifelt nach oben ins Haus zu meinem Mann, um ihn zu bitten, mir das Melken am lebenden Objekt zu zeigen. Er war eigentlich Ingenieur und Fotograf, aber aus irgendeinem Grunde konnte er auch Ziegen melken. Wir gingen also nach unten zusammen in den Stall. Er setzte sich auf den Schemel und fing an die Ziege fachgerecht zu melken, als ob das sein eigentlicher Beruf sei. Also, sieh her, erklärte er mir, zuerst klemmst du die Zitze so weit oben zusammen wie es möglich ist, dann drückst du mit dem Handballen auf das pralle Euter und lockerst ein wenig die Finger, die die Zitze zusammen drücken und  -  siehst du , wie ein großer Strahl herauskommt? Versuche es nun selbst. Nach einigen Versuchen und korrektiven Eingriffen seinerseits gelang es mir tatsächlich, einige Tropfen aus dem Euter herauszuquetschen. Die Ziege fing an, ungeduldig zu meckern, aber sie musste sich diese Prozedur gefallen lassen, die Milch musste gemolken werden.</div>
<p style="text-align: justify;">In diesem Falle war es gut, dass sie nur noch einen halben Liter davon produzierte. Nach einer dreiviertel Stunde hatte ich tatsächlich diesen halben Liter im Eimer. Doch es überkamen mich so einige Zweifel, ob das der richtige Beruf für mich werden könnte. Ich hatte bei einer Ziegenzüchterin zugesehen, wie sie mit den Händen in der gleichen Zeit  20 pralle Ziegeneuter gemolken und die vielen Liter Milch gefiltert hatte. Ob mir das auch einmal gelingen könnte? Zum Donnerwetter, ich habe Lesen und Schreiben gelernt, asiatische, köstliche Gerichte zu kochen und so viele nützliche Dinge mehr. Z.B: Alle Sorten Nägel einzuschlagen, sogar mit der linken Hand, wenn es sein musste. Doch ich hatte damals noch nicht die Absicht, eine größere Ziegenzucht zu gründen. Dazu wäre ich wohl nicht imstande, dachte ich. Zuerst musste ich dafür sorgen, dass Caprice von einem starken Bock gedeckt wurde. In unserer näheren Umgebung wohnte eine Familie, die Schafe, aber auch Ziegen hatte und  einen schönen großen Bock. Ich fuhr zu dem Bergbauernhof und fragte, ob ich meine Ziege zu ihrem Bock bringen könnte, denn wie man mir erzählt hatte, würde die Läufigkeit dieser Tiere bald beginnen. Das hängt zusammen mit der Länge der Tageszeiten, die im September-Oktober und nochmals im Frühjahr Februar-März  gegeben sind. Der Instinkt der Zweihufer lässt für drei Tage eine starke Läufigkeit, wie eine Krankheit möchte man meinen – ausbrechen. Die freundliche Familie war einverstanden, ich solle nur mit meiner Ziege kommen, der Bock würde sie heiß empfangen, wenn der geeignete Augenblick da sein werde. Die Symptome würden nicht zu übersehen sein. Ihre Ziegen fingen gerade an, sich um den Bock zu scharen. Das war eine Lehrstunde live, die sich vor meinen Augen darbot: Der Bock war dermaßen inspiriert von dem aufreizenden Geruch der schwanzwedelnden Ziegenweibchen, sodass er sein Maul in die Höhe reckte, die Oberlippe nach hinten klappte, um den aufreizenden Duft um ihn herum zu demonstrieren. Aber auch die Weibchen untereinander schnatterten sich gegenseitig ins Fell und bestiegen sich. Sie umdrängten den nun heiß geliebten Bock, rochen an seinem „Sex-Appeal“ und liefen dann von ihm weg, um das Spiel der Ziegenerotik einzuleiten. Der Bock lief so schnell er konnte, hinter der ganzen gut riechenden Meute her, bis er eine Ziege erwischte, um sie blitzartig  zu besteigen. Nach kurzer Zeit war er wieder bereit, hinter einer anderen herzujagen. Die Weibchen waren überhaupt nicht eifersüchtig aufeinander, sie warteten mitunter geduldig, bis sie an der Reihe waren, denn nicht alle liefen davon. Der Bock machte keine Unterschiede zwischen alt und jung. Eine alte Ziege roch für ihn genau so gut wie eine junge. Wenn der Bock eine Ziege beschnupperte, die gerade vor seiner Nase stand, stieß er eine andere zur Seite, aber er bemerkte, dass ihn mit der Weggestoßenen ebenfalls der süße Duft der Begierde anhauchte, also ließ er von der ersten wieder ab und rannte hinter der zweiten her, stieß dann die dritte weg, die sich ihm aufdrängte, bemerkte den ebenfalls interessanten Geruch dieser und lief nun hinter jener her. Endlich entschloss er sich auf eine der vielen Anwärterinnen zu steigen und mit einem schnellen Stich unter den wedelnden Schwanz seiner Augenblicks–Auserwählten hatte er sein Ziel erreicht und war ihr für einige Minuten voller Hingabe treu und schnatterisch verliebt. Am nächsten Tag war auch Caprice von dieser natürlichen Krankheit befallen und wedelte erwartungsvoll mit ihrem Schwanz. Ihr hohes Alter spielte überhaupt keine Rolle. Sie war sicher genauso attraktiv wie eine Einjährige. Also, hopp hinein hinten in die alte klapprige Ente, hinauf in die Berge auf holprigen Wegen bis zum Berghof. Der Bock roch schon von weitem, was da ankam. Er schwelgte voll In–Brunst dem heißen Ziegenweib entgegen. Und das ziegen-zärtliche Ritual machte auch Caprice zur Fünf- Minuten-Geliebten. Sie war dermaßen verliebt in den schönen Bock, dass sie nicht genug von ihm bekommen konnte, doch der Samen für den Nachwuchs schwamm schon in ihrem Bauch, also musste sie sich von ihrem schönen Geliebten trennen und wieder ins Auto hopsen. Noch lange sah sie durchs Autofenster hinter ihm her, leise zärtlich meckernd. Wenn die Tage der Läufigkeit vorbei sind, hat der Bock nicht die geringste Chance oder Lust auf eine Ziege zu steigen. Er ist dann nur noch wie eine andere Ziege ohne spezielles Interesse. Der Bauch unserer schwarz-weißen Ziege wurde immer runder . Nach fünf Monaten war es dann so weit, dass eines sehr frühen Morgens die Geburtswehen begannen. Weil Caprice schon eine etwas ältere Ziege war, musste ich sie unentwegt im Auge behalten. Mitunter dauert so eine Geburt einige Stunden, aber ich bemerkte bald, dass hier etwas nicht stimmte. Die Ziege legte sich ins Stroh und drückte und drückte. Stand auf, legte sich auf die andere Seite, versuchte es angestrengt nochmals, aber ohne Erfolg. Und das immer und immer wieder – stundenlang. Ich hatte überhaupt keine Erfahrung mit Ziegen oder anderen Tiergeburten, auch war mein Mann in dieser Zeit nicht anwesend und mein Sohn Anatol stand genauso hilflos vor diesem Problem wie ich. Was hatte ich mir da eigentlich zugemutet! Ich entschloss mich trotz allem, erst einmal selbst etwas zu unternehmen, denn der Tierarzt hatte seine Praxis damals noch 6o km hoch oben in den Bergen. Mit einer Hand, über den ich einen öligen Gummihandschuh gezogen hatte, tauchte ich in die Geburtsöffnung ein und suchte nach den Jungen. Sofort spürte ich, dass der Gebärmutterhals krampfartig verschlossen war. Wirklich ganz fest zu, ich konnte keinen Finger dazwischen stecken. Mit viel Mühe brachten wir, Anatol, ein Nachbar und ich die schwere stöhnende Ziege den steilen Weg nach oben in die alte klapprige Ente, Baujahr weiß der Teufel und ich fuhr so schnell es die steilen Kurven zuließen hinauf in die Berge zur Veterinär-Praxis. Ich bestand darauf, allein zu fahren, denn ich wollte die Verantwortung nur für mich und die Ziege übernehmen. Natürlich hatte ich mich vorher telefonisch angemeldet . Im rüttelnden Klapperauto auf dem frischen Stroh stöhnte und drückte die arme Ziege unentwegt weiter und ich musste sie ständig mit beruhigenden Worten trösten, während ich gleichzeitig konzentriert auf die schmale, ungewohnt steile und kurvenreiche Bergstraße achtete. Eigentlich hatte ich mir das Leben in der ruhigen Einsamkeit etwas anders vorgestellt. Ab dieser Zeit wusste ich erst richtig was dieser Ausspruch bedeutet: „C’est la vie“ Darin liegt eine gewisse Resignation, vielmehr eine Akzeptanz zu den Dingen, die  unglücklicherweise passieren, wir aber nicht wollten, d a s s   sie passieren. Endlich oben angekommen, ohne viel erklären zu müssen, hob der Tierarzt mit mir die jammernde Ziege sofort auf den Operationstisch. Mit den Jungen im Bauch hatte sie ein enormes Gewicht. Sie schrie und wehrte sich, obwohl sie am Ende ihrer Kräfte war. Ich hatte noch nie eine Ziege schreien hören. Sie hatte große Angst und zitterte stark. Hätte ich nicht auf den Rat der anderen Leute hören sollen, die es ganz normal fanden, eine ältere Ziege noch einmal decken zu lassen? Meistens ginge das ohne Probleme vonstatten. Die Leute dort warteten meistens nicht so lange, bis die Tiere alt wurden. Wenn sie nicht mehr genug Milch gaben, wurden sie einfach geschlachtet. Was war nun besser, schlachten oder eine schwierige Geburt. Natürlich das Gnadenbrot war am besten, aber so tierisch-menschlich waren wir nun auch nicht, jedenfalls nicht beim ersten Mal. Auf jeden Fall würde ich sie nicht mehr zum Bock bringen – also doch das Gnadenbrot? Ganz bestimmt, das war mein Entschluss! Wir banden sie fest, selbst die Hörner mussten festgebunden werden. Für alle Fälle war ich jetzt die Assistentin, eine andere war nicht da. Einen Moment überlegte ich, ob ich dazu überhaupt imstande war – ich war es . Der junge Tierarzt machte eine Untersuchung in der gleichen Art wie ich es in völliger Unwissenheit selbst versucht hatte und bestätigte meine Diagnose: Der Gebärmutterhals war fest verschlossen. Für irgendwelche medikamentösen Experimente war keine Zeit mehr. Es musste sofort gehandelt werden: Ich sollte damit rechnen, dass die Jungen tot sein würden, denn es bewegte sich nichts im Bauch der armen Ziege. Wenigstens die Ziege musste gerettet werden: Kaiserschnitt – keine andere Wahl – und zwar schnell! Ich streichelte den Ziegenkopf und summte einige sanfte Töne in ihr Ohr, um sie zu beruhigen: hab Vertrauen, meine kleine Alte. Sie schloss erschöpft die Augen und das Zittern hörte auf. Der Veterinär rasierte ein großes Stück Fell seitlich links vom unteren Bauch ab und gab ihr eine Spritze für eine lokale Anästhesie. Jetzt geschah alles Weitere mit einer ungeheuren Geschwindigkeit. Ich hielt ihre Hörner ganz fest und während ich unentwegt beruhigende Worte der Ziege ins Ohr flüsterte, schnitt der Tierarzt mit flinken, geschickten Händen den Bauch auf. Die Fleischlappen hielt er mit Klammern auseinander und mit geübtem Griff hatte er die Gebärmutter – ein schleimiger Klumpen – machte auch da einen Schnitt und zog das erste Junge heraus, riss den Schleim herunter und spritzte den Rest mit einem kalten Wasserstrahl ab. Schon fing das Kleine an zu schreien – es lebte – und das war Whisky, ein wunderschönes schwarz-weißes Ziegengeschöpf! Die Ziege rührte sich nicht, ich streichelte sie zärtlich, sie hatte jetzt Vertrauen zu uns wie es schien. Ich hatte das Gefühl, dass ihr meine Liebkosungen sehr angenehm waren. Außerdem musste sie fühlen, dass ihr Bauch nun leichter wurde. Der Arzt wühlte und suchte in der Gebärmutter herum – und hopp – da ein zweiter schleimiger Klumpen – den Schleim aus dem Maul entfernt, die Nasenlöcher zum atmen frei gemacht, ein scharfer Strahl mit dem kalten Wasser und auch dieses Junge lebte! Es war geschafft! Die Kleinen lagen zappelnd auf dem Boden und ihre Mutter konnte sie nicht sauber lecken. Sie versuchten sich auf die Beine zu stellen, doch es gelang ihnen nicht, denn der Boden war vom Schleim vollkommen glitschig. Der Arzt musste sich jetzt erst einmal um die Ziege kümmern. Er schob die Eingeweide wieder zurück in den Bauch, nähte zuerst die Gebärmutter zu und dann das Fell. Er desinfizierte den Operationsschnitt und die Umgebung mit mehreren Einspritzungen und sprühte aus einer Dose graphitgrauen Desinfektionspuder darauf. Caprice wurde losgebunden und auf die Beine gestellt. Sie war sofort wieder ganz normal, so als ob überhaupt nichts gewesen wäre. Ich war vollkommen baff und ganz überrascht von dieser Reaktion ! Sie sprang  sofort ganz leicht und flink in das ihr vertraute Auto! Na sowas! Um ihre Jungen kümmerte sie sich nicht. Sie war erlöst von ihren Qualen und das Ziegenleben hatte wieder einen Ziegensinn! Der junge sympathische Tierarzt strahlte und wir freuten uns beide über diesen Erfolg. Ich hatte mir allerdings die erste Ziegengeburt etwas normaler vorgestellt, aber das kann ich vielleicht noch später einmal erleben, dachte ich, nämlich wenn die kleine Whisky das erste Junge bekommen wird. Die beiden kleinen Zicklein wurden warm eingewickelt in einen Karton gelegt und ins Auto geschoben, ganz dicht unter die Nase der Ziegenmama, in der Hoffnung, dass sie sich doch um ihre Kleinen kümmern würde. Weit gefehlt! Sie hob den Kopf , sah aus dem Fenster und tat so, als ginge sie das gar nichts an. Ich dankte dem Tierarzt von ganzem Herzen, zahlte die Rechnung und ab gings nach Hause. Die Zicklein hatten sich beruhigt und kuschelten sich aneinander. Ich kaufte eine Flasche Champagner, die wir mit unserem freundlichen Nachbarn und seiner Frau fast austranken voller Freude über den glücklichen Ausgang dieser komplizierten Geburt. Jetzt musste ich Caprice dazu bringen, ihre Kinder anzunehmen, damit sie überleben konnten. Erstens durch das Ablecken des Fells, um sich ihren ganz speziellen Geruch einzuprägen und sie dadurch sofort ihre eigenen Kinder erkennen kann. Diesen Muttertrieb in Gang zu bringen, der ausschlaggebend sein wird für das Gedeihen der Kleinen. Die Liebe und Zuwendung wie die erste lebenswichtige Milch, die noch ganz dick ist und eine wichtige Starthilfe durch ihre spezielle Zusammensetzung ins Leben bedeutet, sind Voraussetzungen. Mit vielen Tricks und großer Geduld konnte ich Caprice dazu „überreden“ wenigstens die kleine Whisky anzunehmen und sie wurde eine rührend besorgte Mutter. Leider gelang das nicht mit dem zweiten Zicklein. Caprice wusste wohl, dass sie nur für ein Junges ausreichend Milch hatte und stieß die kleine Schwester kontinuierlich von sich weg. Ohne Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter konnte das Zicklein nicht recht gedeihen, obwohl ich ihm eine spezielle Ersatzmilch einflößte und mich intensiv um das kleine Wesen kümmerte. Trotz aller Pflege konnte es nicht gerettet werden – nach einer Woche fand ich es tot auf dem Stroh liegend. Schade. Ich musste Caprice noch einige Antibiotikaspritzen geben. Es war das erste Mal, dass ich so etwas in meinem Leben machen musste und ich zögerte nicht lange – immer hinein mit der Nadel nach vorheriger Desinfizierung – es musste sein, sonst würde die Ziege nach kurzer Zeit sterben. Dann musste ich den Gazeverband aus der Wunde ziehen, das war noch etwas schwieriger. Bald vergrößerte sich die kleine Ziegenschar und Whisky wurde die stärkste aller Ziegen. Wenn sie durch den Stall sauste, mussten alle anderen Ziegen kuschen.  Aber das ist eine andere Geschichte.</p>
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