Atelier Handplanet

Wir wollten doch nur.....

Für eine Ausstellung in Italien, zum Thema: „Wissenschaft, Geist, Kunst“ wollte ich die Problematik „Aids“ behandeln. Ich hatte nicht die Absicht, ein großes Kunstwerk zu schaffen, sondern nur eine hinweisende Version dieses Themas.

Für meinen Entwurf brauchte ich unbedingt einige Condome, denn es handelte sich eher um eine Installation.

Wir lebten in einer ländlichen Umgebung, wo man sich kannte, selbst der Apotheker im Nachbarort hatte uns genau im Blick.

Etwas weiter entfernt war man auch nicht sicher, unerkannt zu bleiben, vor allen Dingen war eine Person mit der Marke seines Autos eng verbunden. Wenn man sich nicht ganz sicher über die Identität war, erinnerte man sich genau an den Autotyp, mit der diese Person herumfuhr.

Diese Art von Päckchen in der näheren Umgebung zu kaufen, war also auszuschließen!

Nun, Montpellier war 100 km weiter entfernt und dort musste es doch möglich sein, diese Condome zu kaufen.

Aber wir, Anatol und ich, stellten fest, dass wir nicht dazu imstande waren. Es war uns peinlich, peinlich – selbst unter angedrohten Strafen würden wir vor lauter Peinlichkeiten sämtliche Kunst und sonstigen Absichten fallen lassen und alle Condome der Welt anderen Leuten überlassen.

Ich selbst war schon zu alt und wollte mich nicht lächerlich machen, und Anatol war durch seine Schüchternheit auch nicht bereit, dieses Wort öffentlich auszusprechen.

Also setzten wir uns nach einigen wichtigen Einkäufen etwas resigniert ins Auto, um Richtung Heimatdorf zu fahren.

Kurz vor der Stadtausfahrt entschlossen wir uns, einen kleinen Café zu trinken und gingen in ein Bistro am Straßenrand. Vor der endgültigen Nachhausefahrt besuchten wir noch die Toilette, denn 100 km waren eine lange Zeit für unsere Blasen. Die Toilette bestand aus einem größeren Raum, Tür rechts Dames – Tür links Messieurs – aber in der Mitte ein wunderschöner Automat mit herrlichen Condomen!

Wir sagten uns: Jetzt oder nie, schauten uns verschwörerisch um, ob uns auch niemand beobachten konnte und mit einigen Francs, die wir passend in unseren Geldbörsen hatten –

Klick, klick, klick – kam uns aus dem Ausgabeschlitz ein prall gefülltes Päckchen entgegen-

Halleluja!

Schnell in meine Tasche gesteckt, verließen wir den Ort der Tat und setzten uns grinsend und äußerst zufrieden ins Auto. – Ab die Post!

Während wir gemütlich und vergnügt dahin fuhren, mischten sich in meine Gedanken einige unangenehmere Visionen: Wenn im Falle eines Unfalls diese Condome in meiner Tasche entdeckt würden, wäre eine Frage von großer Peinlichkeit, vor allem von meinem Ehemann: Was hat dieses anstößige Päckchen darin zu suchen? Ich stellte mir alle möglichen Szenarien vor. Z.B. könnte ich gerade noch hauchen: das ist für ein…..um dann ins Koma zu fallen – oder dergleichen Dinge.

Prompt suchte ich verunsichert und in Panik eine Möglichkeit einen geeigneten Parkplatz, um diese Dinger in Anatols Tasche zu stecken. Er war sofort einverstanden, denn er als junger Mann hatte schließlich alle Condom-Rechte der Welt!

Dieses fiktive, jedoch nicht ganz unrealistische Problem war also gelöst.

Zu Hause angekommen versteckten wir das Corpus delicti in Anatols Atelier, wo es absolut sicher war.

Doch nun arbeitete ich an meinem Installationsentwurf und musste und wollte auch endlich meine Schmuckstücke aus dem Automaten zur Geltung bringen. Die Dinger waren alle gleich und ich legte mir zwei davon zur individuellen Bemalung neben meine Palette.

Unbeobachtet und heimlich gab ich mit ihnen meinem Entwurf den letzten Kick.

Damals hatte ich selbst keine Kamera und fragte zögernd meinen Fotografen-Mann, ob er bereit sei, dieses Gebilde zu fotografieren.

Ein Blick seinerseits darauf und dann ergoss sich eine Kaskade von Beschimpfungen über mein schuldiges Haupt: Glaubst Du, ich würde so eine geschmacklose Schweinerei fotografieren, entferne die Kondome, dann können wir darüber reden…..wie bist Du nur auf so eine dumme Idee gekommen…..usw usw….!!!!

Ich diskutierte mit ihm über das Aids-Thema und machte ihm klar, dass man manchmal etwas drastisch darstellen müsste, damit überhaupt hingeschaut wird und das hätte ich zum Ausdruck bringen wollen. Es sei gewiss kein tolles Kunstwerk, weil mir das Thema wichtiger sei als das Kunstwerk als solches.

Gewiss, er war der Fotograf einer so genannten „Film-Elite“: Fassbinder, Schlöndorf, Romy Schneider, Mario Adorf, Belmondo, Godar, Uri , Zadek., O.W. Fischer, Harald Juhnke, Ralf Wolter, Catherine de Neuf usf.

Da stand ich nun mit meinen Kondomen und harrte auf die Einsicht dieser Berühmtheit, die zufällig mein Mann war. Und sie kam zögernd und mit zusammen gebissenen Zähnen:

Er holte eine seiner exquisiten Kameras und ohne ein Wort zu sagen machte er einige Male Klick und übergab mir mit spitzen Fingern den belichteten Film.

Damit war diese Angelegenheit einigermaßen ausgestanden und sie wurde mit keinem Wort jemals wieder erwähnt, - ich hatte mein Foto „im Kasten“ aber das entwickelte Bild hat er nie zu Gesicht bekommen.

Er mochte auch nicht, dass ich meine Bilder auf olle alte Koffer male. Ich tat ihm den Gefallen und nahm ordentliche schöne weiße Leinwände. Er bewunderte und liebte uns über alle Maßen - und eines steht fest: Er hatte einen der schönsten Lebensabende, die man sich ausdenken könnte! Aber wenn ich jetzt wieder einen Koffer bemale, schreibe ich innen diesen Text hinein:
Lieber Leo, entschuldige, dass ich schon wieder einen Koffer bemalt habe - aber ich kann nicht anders. Deine Drosera

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