Atelier Handplanet

Ich war 17 und wollte leben!

Wir Kriegskinder – zu Jugendlichen herangewachsen - lernten Boogie-Woogie zu tanzen in den Trümmern der Nachkriegszeit.
Die Städte konnten wieder aufgebaut werden, aber ob die Narben unserer verwundeten Seelen eines Tages unsichtbar werden könnten, diese Wahrscheinlichkeit würde sich niemals erfüllen. Zeit heilt nicht alles!

Todesängste wechselten sich ab mit vergeblichen Träumen nach einem Leben von dem man mir erzählt hatte – einem ganz normalen Leben das gelebt werden könnte.
Prag: Keine Bomben dort – Angst nur mit Abstand zum Krieg, der noch wütete. Seit 1943 hielt ich mich schon -15 jährig - in dieser wundervollen Stadt auf - ging zuerst in eine deutsche „Mittelschule" – machte die „kleine Matura" wie es dort hieß und bestand die Aufnahme zur „Lehrerbildungsanstalt". Mein tschechischer Onkel Josef hatte mich bei sich aufgenommen in seine zahlreiche Familie mit vier Kindern. Ich schlief zwischen all diesem Kindergewühl – das war auf alle Fälle ein Leben ohne Angst, denn meine Eltern und Geschwister blieben in Berlin, d.h. wenigstens am äußeren westlichen Stadtgürtel - immerhin die Einflugschneise - und dieses tägliche tiefe Angst einflößende Raunen und Gebrumme der ankommenden Bombenflugzeuge war in Prag nicht zu hören.

Nur in den Ferien – als ich für ca. 2 Monate nach Berlin zurückkehrte, gingen wir als geschlossene Familie wieder zusammen in den Keller unseres Einfamilienhauses. Das war zwar kein besonderer Schutz, aber es beruhigte uns ein wenig. Da hörte ich es wieder, dieses unbarmherzige Brummen. Worte können das nicht beschreiben – es gibt dafür keinen einzigen Buchstaben! Ich ging in die dunkelste Ecke des Kellers und versuchte zu beten – zu wem eigentlich? Um Gnade bitten? Um Schonung? Während ich wusste, dass wieder unzählige Menschen einige Kilometer entfernt sterben werden? Kein Gebet kam mir über die Lippen – es formte sich nicht einmal eines stumm in meinem Kopf, nur ein stoisches Ausharren und Warten, dass es vorüber gehen möge, bitte! - bitte? Also doch ein Gebet? Aus Gewohnheit mit gefalteten Händen.

Sie flogen über uns hinweg, die vereinzelten von Gärten umgebenen Häuser gaben kein attraktives Angriffsziel. Aber wir rechneten trotzdem immer mit dem Allerschlimmsten. Einige Bomben ließen sie doch ab und zu in unserer Nähe fallen. Vielleicht aus Versehen? Hatte der Bordkommandant zu früh auf den Knopf gedrückt? Na das war doch Verschwendung – einfach so in den märkischen Sand gebohrt!
Entwarnung, unsere verkrampften Körper entspannten sich wieder. Dem Leben und dem stetigen Verlust dieses armseligen Lebens ausgeliefert, versuchten wir jedes Mal ein normales Zwischendasein. So war es auch: immer dazwischen – mal Angst und mal die Hoffnung auf ein lebenswertes Dasein. Viele „Volksgenossen" wussten doch längst wie das enden könnte. Auch wir hörten den streng verbotenen interessantesten Sender mit seinem „Bambambam-bum".

Mein Vater wurde nicht zur „Vaterlandsverteidigung" eingezogen, denn er arbeitete als Techniker am Erhalt der Radiosender. Dieser Vater war ein äußerst schwieriger Mensch, besonders im häuslichen Bereich, aber ein „Nazi" war er nicht! Seine tschechische Frau, also unsere Mutter samt ihrer tschechischen Familie, trugen sicherlich durch ihre liebenswürdige, niemals endende Güte zu seiner - natürlich geheim gehaltenen - Meinung über das Naziregime bei. Diese „Güte" erstreckte sich natürlich nicht auf die politische Situation. Ich hörte meine Großmutter sagen: „Adolf Hitler ist ein Teufel."
In der Schule sagte man uns, wenn irgend jemand, sei es auch ein Verwandter, etwas Negatives zur Regierung verlauten sollte, dieses sofort zu melden. Und was dann passieren würde, war etwas das wir nicht direkt benennen konnten, aber die Menschen, die verraten wurden verschwanden ins Irgendwo. Wo sich diese „Orte" befanden und deren Bedeutung erfuhr ich als dieser Albtraum vorbei war. Auf die Idee meine Großmutter zu denunzieren, wäre ich nie gekommen, aber das zeigte mir die Brutalität mit der wir leben mussten!

Nach Prag zurückgekehrt, fühlte ich mich wieder sicher und konnte unbeschwert zur Schule gehen. Natürlich immer mit dem Gedanken an meine Familie in Deutschland. Auch in Prag meldeten sich die Nazi-Hände, die nach uns Deutschen griffen, ob Kind oder Erwachsener.
Als„Jungmädchen" das ich war, musste ich mich in deren Dienst begeben. Dort war natürlich alles etwas lockerer und wir hatten das - was man unter diesen Umständen „Glück" nennen konnte: Es war der Befehl zum Eintritt in den Opernchor! So sangen wir mit Begeisterung „Freude schöner Götterfunken" unter der Leitung des berühmten Dirigenten Joseph Keilberth.
Und 15 jährig flirteten wir verstohlen kreuz und quer durch unsere Gesänge hindurch dem anderen Geschlecht entgegen. Es war eine schöne prickelnde Zeit unter der Glocke der Gnade, die wir vorübergehend leben konnten!

Während der Ferien wieder einmal zurückgekehrt nach Berlin, war ich nach einem überstandenen Luftangriff in der Stadt auf dem Weg nach Hause und sah schon von weitem meine Mutter in der Gartentür stehen und mit heftigen Bewegungen in meine Richtung und dann zum Horizont zeigend. Sie rief mir zu: wirf dich zur Seite. Was war geschehen? Sicher hatte ich das schnelle Flugzeug längst bemerkt und war überzeugt, dass es nach dem Bombengeschwader nur die deutsche Abwehr sein konnte. Doch es war ein fast tödlicher Irrtum! Englische schnelle kleinere Flugzeuge tauchten immer mal wieder wie aus dem Nichts auf und schossen gezielt auf Fußgänger – es war eine Zeit für uns Kinder ein interessantes Spiel die Granatsplitter aufzusammeln und sie miteinander zu vergleichen.
In letzter Sekunde warf ich mich zur Seite und da wo ich eben noch ging prasselten nun mit einem tödlichen Geräusch die zerplatzenden Granaten auf den Asphalt! Meine Mutter war mir nie so nah und ganz Mutter wie in diesen Augenblicken! Ich rannte so schnell ich konnte schluchzend und zitternd in ihre Arme, als hätte sie mich zum zweiten Male geboren.......So taumelten wir von einer Todesangst in die nächste...Der Himmelsflitzer verschwand Richtung Westen, denn auch er war wegen der Luftabwehr nicht sicher heil nach Hause zu kommen.
Wieder nach Prag zurückgekehrt, wo ich meine Aufmerksamkeit auf schulische Probleme reduzieren konnte, machte ich oft lange Spaziergänge mit meinem klugen tschechischen Onkel Joseph , er arbeitete in einer Druckerei, der mir die ganze Problematik des Krieges und der deutschen Politik aus seiner tschechischen Sicht erklärte. Er sah und mit ihm sicher auch seine Landsleute, die ganze Entwicklung des kommenden Zusammenbruchs des Deutschen Reichs.

Anfang des Jahres 1945 riet er mir meine Sachen zu packen und endgültig zu meiner Familie nach Berlin zurückzukehren, denn was bald geschehen würde, war abzusehen – auch mir war das inzwischen klar. Er könne mich dann nicht schützen, denn ich hatte die deutsche Staatsangehörigkeit und er wusste wie seine Landleute auf deutsche Anwesenheit in ihrem Land reagieren würden, wie es ja auch später geschah!

Also folgte ich seinem Rat und beendete schweren Herzens meinen Aufenthalt in dieser mir so lieb gewordenen Stadt, in der meine andere, die tschechische Familie wohnte. Auch nahm ich von einer so lieben guten alten Tante Abschied, die Garderobenfrau in einem Kino war – in der Ziegengasse wohnte, sich um arme Leute kümmerte und immer dafür sorgte, dass ich in ihrem Kino alle Filme sehen konnte, die ich wollte, denn der Chef war sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Ich schwärmte damals für Marika Rökk und Shirly Temple.
Im Februar 1945 war es so weit, ich stand auf dem Bahnhof, verabschiedete mich heulend von meinem Onkel Joseph und stieg in den Zug nach Berlin. Adieu mein geliebtes Prag! Auf der Strecke nach Berlin hielt der Zug in Dresden. Nach 20 Minuten ging die Fahrt weiter Richtung Berlin.

Als der Zug aus dem Dresdner Bahnhof herausgefahren war, musste er nach einigen Minuten auf der Strecke halten. Kurz darauf hörten wir die schweren Bombergeräusche, warfen uns in den gleich neben dem Zug ausgehobenen Graben und erlebten diesen makaber-berühmt gewordenen Vernichtungsangriff auf Dresden in unmittelbarer Nähe. Wieder Angst Angst Angst. Wann würde dieses Gift endlich unser Dasein verschonen?
Ich empfand es wie ein Wunder, dass wir nicht getroffen wurden – und irgendwann war es noch möglich dieser Hölle zu entkommen – der Zug konnte weiter fahren und wir nahmen völlig erschöpft aber glücklich (komisches Wort in dieser Situation) unsere Plätze wieder ein. Meinen baldigen 17. Geburtstag würde ich also voraussichtlich in Berlin erleben.
Durch das traumatische Erlebnis des Dresdner Luftangriffs tief beeindruckt, fügte ich mich wieder in das zeitweise „normale" Familienleben ein.

Weil ich direkt von der „Lehrerbildungsanstalt" in Prag kam, hatte ich die Gelegenheit in einer Schule auf der hintersten Bank zu volontieren. Ein nazitreuer Lehrer konnte es sich nicht verkneifen mich zu belehren: „So so, du kommst also aus Prag von der Lehrerbildungsanstalt! Dort hättest du bleiben müssen! In dieser schweren Zeit bis zum Endsieg dürfen wir unseren Platz nicht verlassen!" Ich erinnerte mich an die Spaziergänge mit meinem tschechischen Onkel Joseph: Du ahnungsloser Ignorant - dachte ich bei mir – es wird bald alles vorüber sein mein lieber Nazi-Lehrer - aber anders als Du denkst und hoffst!. Wie das enden würde, hätte ich auch zu diesem Zeitpunkt ohne meinen Onkel Joseph vermutet.

Mein 17. Geburtstag war Ende März. Siebzehn Jahre! Aus Angst und Unsicherheit bestehend. Das also war meine Jugend! Von beiden Seiten kam die Kriegsfront immer näher, aber für Berlin war es Gewissheit, dass es die russische Armee sein würde. Wir hörten weiterhin heimlich den Sender dessen Zeichen ironischer Weise inspiriert von Beethoven war, so wie wir alle diese Sequenz kennen- nämlich: bambambam-bum; durch diese Nachrichten wurden wir ungefähr über den Vormarsch der Fronten informiert. Es vergingen schleppende angstvolle Tage. Der April schien das endgültige Ende dieser unglückseligen Epoche zu werden. Wir vernahmen mit klopfenden Herzen in unserem westlichen Berliner Vorort bereits die noch undeutlichen Kampfgeräusche langsam näher kommen. Selbst mein Vater, der sich eigentlich um das Funktionieren des Radiosenders kümmern sollte, verschwand in irgend einem „Volkssturm" – Aufruf. Meine Mutter und wir vier Kinder, 2 – 7 – 15 - und ich gerade 17 geworden, waren hilflos allem Kommenden ausgeliefert.

Also berieten wir die Möglichkeit einer Flucht in den Westen. Denn von Russen in diesem brutalen Krieg überrascht zu werden, war für uns eine Horrorvorstellung. Sie würden sich verständlicher Weise mit allen „Kriegs- und Eroberungsrechten" an uns rächen. Wieder erfasste uns eine unsagbare Angst, die nun von einer Kraft der vermeintlichen Ausweglosigkeit diktiert wurde.

Es herrschte die allgemeine Überzeugung, dass die Alliierten flüchtende Deutsche „human" behandeln würden, obwohl sie unsere Städte mit ihren Bomben zerstört hatten. Aber als Eroberer würden sie uns in Ruhe lassen.
Ich hatte von Nachbarn gehört, dass es eventuell noch nicht zu spät sein würde, einen Flüchtlingszug aufzutreiben der in Richtung Westen fahren würde.
Kurz entschlossen nahm ich mein Fahrrad und strampelte so schnell ich konnte zum Bahnhof.
Mit großen Gesten machte ich eine Lokomotive auf mich aufmerksam, die auch prompt anhielt. Der Lockführer verstand sofort, was ich wollte und rief mir durch den Lärm der Lock hindurch die verheißenden Worte zu: Ich fahre jetzt noch einmal nach Berlin, um einen Güterzug zu organisieren der nach Westen fahren soll – wenn du dich beeilst, deine Familie zu holen, sagen wir in einer halben Stunde, hole ich euch hier vom Bahnhof ab. Aber bitte keine große Verspätung – es eilt gewaltig!
Wie von der Tarantel gestochen, radelte ich nach Hause zurück und rief meiner Mutter zu: Schnell schnell – habe alles organisiert, wir werden in 20 Minuten vom Bahnhof abgeholt.

Aber meine Mutter hatte schon das Notwendigste vorbereitet und die Kinder hatten den Eindruck, jetzt geht's los – jetzt kommt Rettung und sicher auch etwas Spannendes.
Der 2 jährige brüllte natürlich in seinem Sportwagen, fand dann aber die Schnelligkeit mit der er gerollt wurde amüsant und lachte vergnügt. So kamen wir erschöpft und voller Hoffnung zum Bahnhof – der Zug wartete schon auf uns. Wir hievten den Kindersportwagen mit dem Kleinsten, mein Fahrrad und uns selbst in den Güterwaggon hinein und fühlten uns vor allem Unheil erst einmal gerettet! Aber diese Fahrt, die tagelang dauerte, war kein Vergnügungsausflug.

Ab und zu hielt unser einsichtiger Lokführer an einem nahen Waldstück, damit dringende Bedürfnisse erledigt werden konnten. Natürlich auch für ihn selbst. Er fuhr uns in eine Zukunft die ungewisser und ungemütlicher nicht sein konnte. Gewiss, wir hatten für einige Lebensmittel und Wasser gesorgt, aber das würde nicht lange reichen.
Wir begegneten anderen Flüchtlingstransporten auf uns unbekannten Bahnhöfen und tauschten einige Neuigkeiten aus. Die Mär machte die Runde, dass deutsche Wissenschaftler eine „Wunderwaffe" erfunden hätten und wir doch noch siegen würden. Und dann noch dies: Die Alliierten würden nun gegen die Russen mobil machen.
Ich hörte indessen einen Jugendlichen im anderen Flüchtlingszug klagen „Wo ist nur meine schwarze Tasche, ich brauche meine schwarze Tasche, hat nicht jemand meine schwarze Tasche gesehen!" Als wir weiter fuhren, vernahm ich noch eine Weile seine Schwarze-Taschen-Klage bis nur noch die uns schon fast lieb gewordenen Zuggeräusche zu hören waren.

Am frühen Abend des nächsten Tages hörten wir undeutliche Schüsse aus östlicher Richtung und wussten, was das zu bedeuten hatte. Unser Flüchtlingstransport fand ein jähes Ende. Voller Panik leerte sich plötzlich der ganze Zug und alle „Reisenden" samt Lokführer liefen voller Angst in den Wald, der wie ein trügerischer Phantom-Rettungs-Ort neben uns aufgetaucht war. Ich war die einzige Person, die das nicht einsehen wollte, blieb oben an der Waggontür stehen und rief meiner Mutter hinterher, Mama das ist doch vergebens, und es ist doch egal wo die Russen uns überraschen, ob sie uns im Wald erschießen oder vergewaltigen werden oder hier im Zug! Schon wieder diese Ur-Todes-Angst, wie Tiere die den Tod erahnen – ohnmächtig kraftlos ausgeliefert!

Und da kamen sie auch schon aus dem Dickicht, ihre Kalaschnikovs auf uns gerichtet: Wir hatten es also nicht geschafft in den Westen zu kommen! Was wird uns jetzt geschehen? Werden wir nun vergewaltigt oder erschossen – so wie man uns das prophezeit hatte?
Mein Bruder, damals 7 jährig, erzählte mir später, dass er sich auf den Waldboden gelegt hatte und den tödlichen Schuss erwartete. Ich glaube, dass er dieses Erlebnis nie richtig verarbeiten konnte.
Sie trieben die vor Angst schlotternden Menschen wieder zurück in den Zug und riefen in gebrochenem Deutsch: „Nach Hause! Alle nach Hause!" Das wars also – nur nach Hause? Erleichterung wie ein großes Gruppen–Aufatmen! Konnte man ihnen trauen? Denn das hörte sich gut an, fast zu gut um es zu glauben - aber erst einmal gab es eine Goldkontrolle in den Waggongs: Wir mussten all unseren eventuellen Goldschmuck abgeben. Ich hatte eine kleine Goldkette mit Anhänger um meinen Hals und gab sie gerne weg, wenn das alles war? Avec plaisir monsieur!! Das allgemeine Zittern der verängstigten Körper ließ langsam nach und die Hoffnung auf ein erträgliches Ende dieser Odyssee war nun unsere gemeinsame Überzeugung.

Meine Mutter machte sich bereit, den ich weiß nicht wie viel kilometerlangen Weg mit uns zu Fuß zurück zu gehen. In mir sträubte sich die Idee, dieser Aufforderung zu folgen. Inzwischen hatte ich über mich selbst eine für mich erstaunlich ungewohnte Entdeckung gemacht: Nämlich dass ich mich nicht von dieser soeben erlebten Panik anstecken ließ. Obwohl die Angst zu sterben mich gleichfalls gepackt hatte. Also stand für mich fest: den weiteren Weg musste ich allein gehen – und zwar Richtung Westen. Meine Mutter war einverstanden, sie hatte vielleicht die Idee, dass ich stark genug war, um jetzt mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und ließ mich gehen. Wir trennten uns – wenn auch mit schmerzendem Herzen – wir würden uns wiedersehen! Das was wir gerade erlebten und auch die Zukunft waren so chaotisch – alles war jetzt fast egal!

Meine wenigen persönlichen Sachen auf mein Fahrrad geschnallt, ging ich der untergehenden Sonne entgegen – Richtung Westen, das war meine einzige Richtungs-Information.
Da wo es einigermaßen glatte Wege gab konnte ich auf meinem Fahrrad fahren.
Es wurde immer dunkler und ich hatte kein Licht an meinem Rad. Es war vor der Flucht nicht mehr möglich mein Fahrrad in dieser Hinsicht zu komplettieren. Ich war froh es jetzt hauptsächlich als Transportmittel benutzen zu können, begegnete aber keiner Menschenseele.
Mein größter Wunsch war jetzt, eine Unterkunft zu finden. Die Dunkelheit tauchte mich in eine nie gekannte völlige Schwärze und meine Kräfte ließen nach. Genervt entschloss ich mich, mein Rad mit allem Gepäck fallen zu lassen und mich ohne diesen Ballast vorwärts zu tasten. Nach ungefähr einer Stunde völlig ermattet stolperte ich heftig und stellte erstaunt fest, dass ich im Kreis gelaufen war, denn ich fiel direkt über mein Fahrrad! Also richtete ich es wieder auf und tastete mich mit ihm durch die schwarze Nacht. Nach kurzer Zeit stieß ich gegen etwas Hartes und fühlte, dass es ein Haus sein musste. Ich legte das Rad auf den Boden und eine tiefe Müdigkeit packte mich brutal, sodass ich fast bewusstlos in eine Hausöffnung stürzte, direkt auf etwas Strohiges, wie ich gerade noch bemerken konnte.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah ich vier starke Pferdebeine über mir und es roch auch ganz typisch nach Pferd, was mir sehr gefiel. Ich musste am Abend vorher mit einem somnambulen Erschöpfungs-Schwung unter dieses Pferd geglitten sein. Dieses liebe Pferd hatte mich also die ganze Nacht beschützt und mich nicht getreten! Ich war bezaubert! Kroch vorsichtig aus meinem ungewöhnlichen Schlafplatz hervor um mich durch Streicheln der Pferdewange zu bedanken. Das Pferd fraß ruhig sein Heu und sah mich an als wollte es sagen: na wie war dein Bett in diesem Hotel?
Gerührt verabschiedete ich mich von meinem Beschützer, ortete mit einem Blick zum Himmel meine Westrichtung, nahm mein Fahrrad und wanderte weiter. Ich hatte mächtigen Hunger und hoffte auf ein Dorf, wo ich um etwas zu essen bitten konnte.

Als ich eine Kirchturmspitze blitzen sah, wusste ich in welche Richtung es gehen musste. Dort angekommen, bemerkte ich am Dorfbrunnen einige russische Soldaten Wasser aus diesem Brunnen schöpfen. Im Vorbeigehen boten sie mir freundlich einen Krug zum trinken an – ich hatte einen brennenden Durst und nahm dankend an. Das war meine zweite russische Begegnung, die mir dieses mal keine Angst einflößen konnte. Ein ungewohntes Gefühl. Sie boten mir daraufhin sogar einen Brotkanten an und lachten sich kaputt, wie schnell ich ihn verschlang! Jetzt hatte ich wenigstens etwas im Magen um meine Kräfte zu erneuern und konnte meinen „Westweg" erst einmal fortsetzen. Auf der Landstraße weiterwandernd gesellten sich zwei junge ehemalige deutsche Soldaten in ziviler Kleidung zu mir und wir setzten unsere Pilgerreise gen Westen gemeinsam fort.

Aus irgend einem Grunde, ich kann mich nicht erinnern wie das zustande kam, befanden wir uns plötzlich inmitten gestreifter Anzüge, und die Menschen hatten erschreckend ausgemergelte Gesichter. Es musste ein berüchtigtes Lager gewesen sein, das gerade befreit worden war und es herrschte ein panikartiges Hin und Her. Wir waren völlig verwirrt und geschockt und suchten einen Ausgang, den wir nicht fanden. Die beiden Jungs nahmen mich plötzlich an die Hand und führten mich über eine ganz schmale Öffnung, mein Fahrrad über die Schulter hievend. Wir hatten unter größten Schwierigkeiten endlich eine Möglichkeit gefunden, aus diesem Chaos herauszukommen, auch weil wir die Richtung einhalten mussten.
Als wir wieder draußen waren, hatten wir einen Compagnon mehr – er hatte einen gestreiften Anzug.

Wir nahmen ihn mit auf unsere Landstraßen-Reise und trippelten alle zusammen Richtung Westen. Kein Wort kam über unsere Lippen, auch nicht von diesem verstörten Menschen, der in seinem Streifenanzug wie betäubt aber irgendwie „glücklich" neben uns herlief, d.h. die beiden Jungs mussten ihn bald stützen, so schwach fühlte er sich.
Bauernhöfe waren für uns von größtem Interesse. Hier gab man uns Nahrung und jedem von uns einen Heu- oder- Strohplatz zum Schlafen im Stall. Ein Bauer nahm unseren „Gestreiften" als Gehilfen dankbar an, denn es fehlte ihm dringend an Personal. Wir waren froh, dass wir ihn in guter Obhut zurücklassen konnten und er endlich wieder so etwas wie eine Familie haben würde. Als erstes gab man ihm eine andere Kleidung, nun war er endlich wieder ein Mensch wie alle anderen. Sein ängstlicher Gesichtsausdruck verwandelte sich zu einem kleinen schüchternen Lächeln. Nun waren wir wieder zu Dritt. Also zog ich mit meinen beiden anderen Begleitern weiter in eine ungewisse Zukunft.

Ich hatte die verrückte Idee, meinen alten wunderschönen großen „Dictionaire" Französisch-Deutsch - Deutsch –Französisch mit Goldrand auf dieser Flucht mitzuschleppen, in der Hoffnung, dass er mir nützlich sein könnte.
Meine beiden jungen Begleiter, nicht viel älter als ich, die noch vor kurzem eine Soldatenuniform trugen und sich Zivilkleidung, bestehend aus Hemd, Hose und undefinierbaren Sandalen organisiert hatten, liefen ständig Gefahr als ehemalige deutsche Soldaten von den Russen erkannt zu werden und in ein Internierungslager zu kommen.
Ich schlug vor, dass wir uns gemeinsam als Franzosen ausgeben sollten die nach Hause wollten, natürlich nur Russen gegenüber, die unseren deutschen Akzent nicht bemerken würden. Dazu war dieser Dictionaire sehr willkommen. Wir paukten während der Wanderpausen nun so viel Französisch wie wir in unserer angespannten Situation aufnehmen konnten, aber es gab uns das beruhigende Gefühl – man konnte fast sagen – einer Sicherheit in unbekanntem Gelände.

Damit mein Kleiderbündel nicht zu schwer sein sollte, hatte ich mehrere Sachen übereinander gezogen und sah mit diesen vielen Zwiebelhäuten am Körper ziemlich unförmig aus. Allmählich wurde es mir zu warm und ich musste mich entblättern. Meine Begleiter waren erstaunt, was dabei herausgeschält kam: ein schlankes kleines Mädchen, deren blaugraue Augen und blonden Haare jetzt erst richtig bemerkt wurden. Aha dachte ich – so ist das also – aufpassen und mir nichts anmerken lassen, dass ich ihre Gedanken erraten konnte!
Wir hatten täglich so viel Mühe unsere mindestens 25 km zu schaffen, einen Schlafplatz und etwas zu essen aufzutreiben, sodass meine Begleiter von irgendwelchem erotischen Geplänkel Abstand nahmen.
Als wir endlich eine provisorische „Grenze" zu sehen bekamen, liefen wir trotz extremer Müdigkeit schneller und erwartungsvoller um diesen neuen Anblick zu bestaunen: Amerikaner!
Aber Achtung, auch das war für meine Begleiter gefährlich! Wir wiederholten unsere „Französisch-Lektionen" in Kurzfassung noch einmal intensiv und hofften, dass uns die Amerikaner als Franzosen, die nach Hause wollten anerkennen würden. Unseren deutschen Akzent würden sie sicher nicht bemerken. Also los! Es genügten aber nur ein oder zwei französische Wörter, mehr hätten sie sowieso nicht verstanden: Francais – maison! Mit klopfenden Herzen sprachen wir unser Mantra! Und es klappte! Wir waren jetzt Franzosen und wurden durchgewinkt!
Halleluja!! Allerdings musste ich mein Fahrrad - aus welchen Gründen auch immer - abgeben. Mein Gepäck musste ich nun selbst tragen. Aber das umfangreiche Dictionaire Deutsch-Französisch Französisch-Deutsch, zu schwer ohne Fahrrad, legte ich auf eine niedrige Mauer, wo es sicher einen Liebhaber finden würde.
Das war uns alles piep-egal! Wir waren angekommen im Land unserer Wünsche und setzten erleichtert und guter Laune unsere Reise zu Fuß auf einer großen Landstraße fort. Ab und zu fuhr ein „Ami-Jeep" an uns vorbei und wir winkten dem ungewohntem Fahrzeug mit den ebenfalls ungewohnten amerikanischen Soldaten voller Begeisterung hinterher!
Plötzlich sprang eine etwas verwilderte männliche Gestalt aus einem Busch am Straßenrand hervor und stellte sich uns mit einem finsteren Blick in den Weg, eine Pistole auf uns gerichtet.

Darauf waren wir allerdings nicht im geringsten vorbereitet, wir hatten uns so sicher und frei gefühlt, dass wir vor Schreck und Unverständnis einfach erstarrten.
Der wilde Mann zeigte auf sein umgedrehtes Jackenrevers einen kleinen Metall-Totenkopf und meinte, er würde sich nun an uns rächen und wir sollten ihm in die Büsche folgen um aus uns ebensolche „Totenköpfe" zu machen. Wir brachten vor Entsetzen kein einziges Wort hervor. Die Situation war zu überraschend, denn wir waren nicht mehr wie noch vor dem „Grenzübertritt" in dieser stetigen Anspannung, die ständig mit irgendwelchen Gefahren rechnen musste.

Ich fühlte mich einige Momente völlig gelähmt – aber plötzlich stieg in mir eine kochende Wut empor und ich dachte, wenn er es wirklich wagen sollte uns zu töten, dann würde er nicht so ohne weiteres davon kommen! In meiner Todesangst fühlte ich einen unbeschreiblichen Geschmack auf der Zunge und holte aus mit der Kraft der Verzweiflung und meiner Wut und knallte ihm eine deftige Ohrfeige ins Gesicht. Er sah mich verblüfft an – ich fühlte, dass er in einer normalen Situation an meiner jungen Gestalt Gefallen finden würde und ich ihm außer dieser gewaltsamen Geste eine heftige erotische Ladung verpasst hatte, man könnte es auch eine emotionale „Erstauntheit" nennen. Nun war er es der erstarrte. Meine Begleiter standen steif und mit bleichen Gesichtern da und wagten sich nicht zu rühren.
Wie würde er nach dieser von ihm sicher nicht erwarteten Ohrfeige, die ihm das Blut in den Kopf schießen ließ, nun reagieren? Würde er jetzt noch mehr entschlossen sein uns umzubringen? Seine Pistole hielt er krampfhaft auf uns gerichtet, aber ich bemerkte, dass seine Faust ganz leise zitterte.
Mit einer herrischen Geste und wahrscheinlich mit dem Rest seines beschädigten Stolzes machte er eine verächtliche Geste in Richtung der Landstraße und schrie: Haut ab – ich will euch hier nicht mehr sehen!

Mit klopfenden Herzen setzten wir so schnell wir konnten unsere Wanderschaft fort.
Bald war er aus unseren Augen verschwunden wie ich erleichtert feststellte als ich mich kurz umdrehte. Meine beiden Begleiter umarmten mich fest und sie hatten jetzt einen richtigen Respekt vor diesem kleinen Mädchen. Als ein Jeep vorbei fuhr stellte ich mich ihm entgegen, sodass er anhielt und ein Soldat fragte was wir von ihm wollten. Flehentlich bat ich ihn: please take us with you – er schüttelte den Kopf und meinte, dass das nicht erlaubt sei und fuhr achselzuckend weiter.

Wir beeilten uns trotz weicher Knie so schnell wie möglich eine Unterkunft zu finden.
Gegen Abend, nachdem wir durch einige Dörfer und Wälder gewandert waren – ach -welch trügerische Idylle den Lerchen zuzuhören und so etwas wie Wohlbehagen zu empfinden - baten wir die Frau des Bürgermeisters eines kleinen einladenden Dorfes um ein bescheidenes Strohlager und einige Happen zu essen. „Ein Strohlager?" fragte sie entsetzt – „und mit diesem jungen Ding zusammen?" So kam dieses junge Ding zu einem richtigen Bett mit frischer Wäsche und der Möglichkeit sich richtig unter fließendem Wasser zu waschen – und dies sogar mit einer gut riechenden Seife! Ein Strohlager für meine beiden Begleiter wurde genehmigt – ebenso eine gründliche Körperreinigung mit ebenfalls duftender Seife......Wir waren in einem Zwischenparadies mit zusätzlichen vollgefüllten Tellern bester bäuerlicher Ernährung! Und ich durchschlief nach langer Zeit wieder einmal satt und fast glücklich in den nächsten Tag hinein. Wir bekamen sogar noch einen dicken Proviantbeutel mit auf unseren Weg ins vorläufig noch Ungewisse, denn wir mussten eine Möglichkeit finden über die Elbe zu gelangen, denn erst auf der anderen Seite des großen Flusses würden wir endgültig im neuen „Schlaraffenland" landen. So lautete die Mär!

Die nächste bewachte Brücke war nicht zu finden – man hätte uns auch nicht erlaubt sie zu überqueren, also beschlossen wir ein Floß zu bauen. Im Wald fanden wir genug Material wie abgebrochene Äste und lange feste Grashalme zum Ineinanderfügen der Teile. Schön sah es aus das romantische Floß, doch irgend etwas hatten wir falsch konstruiert, denn beim ersten Versuch machte es blub-blub und das Kunstwerk ging unter mit unserer ganzen Habe, die wir immerhin retten konnten, aber sie erst einmal ausgebreitet und an Ästen aufgehängt trocknen mussten. Also weiter wandern war unsere ernüchternde Alternative. Wir mussten erst einmal Hamburg erreichen in der Hoffnung dort eine Lösung zu finden.
Unser Ziel war ein Ort in der Nähe der Stadt Essen, die wir nur von der anderen Seite der Elbe erreichen konnten. Die Elbe war uns ein Wegweiser und unser Wille unser Ziel zu erreichen ließ uns alle Mühe ertragen.

Eines Tages war es soweit: Hamburg in Sicht! Wir rannten fast – wenn auch völlig erschöpft in die uns völlig unbekannte Stadt. Unser Ziel: eine Fähre die Menschen über die Elbe schiffte – und wir hofften auf großen Andrang um uns da hinein zu mogeln. Am Sperrseil, das ein Schiffsmann kontrollierte, machte ich den Anfang: ich stürzte so flink hinter einer Person her, indem ich in nie gekannter Schnelligkeit unter der Absperrung hindurch krabbelte und meine Begleiter folgten mir – dass der verblüffte Mann uns laufen ließ. Wir versteckten uns in der Menge, zitterten noch ungläubig vor Angst dass man uns finden würde – wir hatten keine Erlaubnis und keinen Fahrschein. Doch die Fähre fuhr langsam ab und tuckerte bis zum anderen Ufer.

Wir hatten es geschafft! Dieses Gefühl der Freiheit- endlich! Ein Leiterwagen mit jungen Holländern und einem Pferd kreuzte unseren Weg. „Mädchen, komm mit uns – wir haben einen schönen Bauernhof!" Ich winkte vergnügt: „Heute nicht, vielleicht ein anderes Mal!" Und wir lachten aus vollem Herzen.

Jetzt redeten wir endlich angeregt miteinander und erzählten ausführlicher über unsere Familien und unsere Pläne. Peter – der kleinere mit dem dunklen Lockenkopf - war mir wie ein lieber Bruder, während der größere und attraktivere – er hieß Manfred – eine gewisse Erotik ausstrahlte. In dieser neuen Atmosphäre der „Freiheit" – trotzt der Beschwerlichkeit des „Endspurts" – löste sich unser angespanntes Miteinander und wir schritten beschwingter von Dorf zu Dorf – immer noch um Strohlager und Nahrung bittend – die uns stets freundlich gewährt wurden. Unser Ziel war Moers – der Ort von Peters Familie. Dann würden wir weitersehen. Als wir endlich dort ankamen, waren wir die Helden der Stunde. Peters Familie umarmte den Sohn, von dem sie so lange Zeit keine Nachricht hatten. Sie waren so glücklich, ihn lebendig und in guter Verfassung zurück zu haben. Manfred und ich standen etwas verlegen herum, bis man auch uns umarmte und die Tränen die Freude wollten nicht enden. Manfred schlief mit Peter in seinem Zimmer und für mich wurde das Sofa im Wohnzimmer zu einem provisorischen Bett hergerichtet. Wie sollte es weitergehen?

Man schickte mich als Haushaltshilfe zu einer befreundeten Familie. In dieser Vorstadt waren die Häuser nicht zerstört und die Bewohner gewöhnten sich schnell wieder mit allen Vor- und Nachteilen an ein „normales" Leben. Einen Gesprächspartner fand ich nicht. Gut aufgehoben versuchte ich mich zurecht zu finden, aber ständig wurde ich ermahnt, meine Aufgaben gewissenhaft auszuführen. Mein Schlafplatz war auf dem Dachboden. Vom Nebenraum strömte mir ein wunderbarer Apfelduft entgegen. Natürlich verbot man mir, diese Äpfel anzurühren. Die strenge Hausfrau teilte die Äpfel zu und nicht sehr großzügig. Auf 5 langen Regalen lagen wohlgeordnet die herrlichsten Äpfel – einer neben dem anderen. Ich konnte nicht widerstehen und verspeiste jeden Tag einen von diesen geordneten Leckerbissen. Und nach jeder Lücke die mein Mundraub hinterließ, musste ich von der obersten Reihen bis zur untersten jedes Mal einen ganz kleinen Abstand verändern, so dass ein homogenes Apfelbild entstand und niemand auf die Idee kam, dass auch nur ein einziger Apfel fehlte. Mit den folgenden Tagen wurde es immer schwieriger, diese geschlossen wirkende Apfel-Arrangement wieder herzustellen.

Nach ungefähr 20 Tagen, als die ganze Familie feststellte, dass ich oft die Gartenkräuter verwechselte, mir kleinkarierte Vorwürfe und sich über die Unfähigkeit meiner häuslichen Hilfe lustig machte, packte mich die Wut – mich dürstete nach Shakespeare – nach Klabund! Das Heimweh packte mich – ich wollte jetzt wieder zu meiner Familie zurückkehren. Ich begann sogar, meinen strengen Vater zu vermissen.

Inzwischen hatte sich die allgemeine Lage - auch bei der russischen Besatzung beruhigt und ich verabschiedete mich mit meinem kleinen Bündel im Arm – 3 Äpfel als Wegzehrung hatte ich noch genommen – ohne zum letzten Mal das Apfel-Bild zu verbessern. Ich verabschiedete mich herzlich von meinen Wegkameraden und dankte ihnen für dieses einmalige, lehrreiche Abenteuer. Die Hausfrau gab mir etwas Geld für meine Rückreise und natürlich dankte ich ihr dafür, dass sie mich aufgenommen hatte und entschuldigte mich für meine häuslichen Unzulänglichkeiten – und in Gedanken für all die Äpfel, die ich ihr gemopst hatte.

Die beiden Jungs hatten ihr Ziel erreicht - aber ich sah für mich dort keine Zukunft. Zu jung um selbstständig zu sein, zu unerfahren in einer mir völlig abwegigen Umgebung. Wie ich erfuhr hatte sich auch im Osten - von den Russen besetzt - die Lage soweit „normalisiert" so dass ich guten Mutes – denn den brauchte ich immer noch – zu meiner Familie zurückkehren konnten. Mit der Bimmelbahn gings bis zu Grenze, die man nicht ohne Erlaubnis überschreiten konnte. Aber nachts sollte es möglich sein, brachte ich bald in Erfahrung. Ich wartete also hoffnungsvoll in der Nähe der Grenze auf die Dunkelheit. Russische Soldaten bewachten diese Grenze. Gegen Zigaretten oder andere Leckerbissen sollte es möglich sein, durchgelassen zu werden. Doch ich hatte absolut nichts!

Im Schein einer Taschenlampe sah ich einen Mann mit einem Soldaten verhandeln. Er hatte jede Menge Zigaretten anzubieten. Ich schlich mich an die beiden heran und hatte eine Idee: „Hallo Liebling, da bin ich!" Und fiel ihm um den Hals. „Frau Frau" sagte ich zu dem Soldaten. Der etwas ältere Mann war entzückt über die Aussicht auf diese Weise zu einem hübschen jungen Weibchen zu kommen und bestätigte erfreut meine Behauptung. Der Handel klappte ohne Schwierigkeiten und „Mann und Frau" waren nun in der östlichen Zone. Das Männlein wollte seinen Lohn und fummelte sogleich hoffnungsvoll an mir herum, so dass ich entsetzt die flinksten Beine schwang und in der Dunkelheit aus den Augen diese Zufalls-Mannes verschwand.

So ungefähr hatte ich mir den Bahngleisverlauf gemerkt und war bald am Bahnhof auf der anderen Seite angekommen. Ich kam gerade noch rechtzeitig zur Abfahrt eines weiteren Bummelzuges an, und los gings noch Osten – nach Hause! Pardon lieber netter Helfer in der Not. Und dann – bald – bald entgegenzitternd - kam ich an in unserem Haus. Meine Familie, Mein Haus – endlich! Der Krieg? Der war schon weit weit weg und das Leben kam. Mit Shakespeare und Klabund, Goethe, Robert Musil und all den anderen Köstlichkeiten. Ich breitete die Arme aus und zog es leidenschaftlich an mich: Und es kam da Leben! Diese richtig – freie – schwierige – wunderbare - turbulente – aprikosenfarbenen Leben. Danke!

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